Fliegendes Blatt

 

Es sah eine Linde ins tiefe Tal,

War unten breit und oben schmal,

Worunter zwei Verliebte saßen,

Vor Lieb ihr Leid vergaßen.

 

"Feins Liebchen, wir müssen voneinander,

Ich muß noch sieben Jahre wandern."

"Mußt du noch sieben Jahr wandern,

So heurat ich mir keinen andern."

 

Und als nun die sieben Jahr um waren,

Sie meinte, ihr Liebchen käme bald,

Sie ging wohl in den Garten,

Ihr feines Liebchen zu erwarten.

 

Sie ging wohl in das grüne Holz,

Da kam ein Reuter geritten stolz.

"Gott grüße dich, Mägdlein feine,

Was machst du hier alleine?

 

Ist dir dein Vater oder Mutter gram

Oder hast du heimlich einen Mann?"

"Mein Vater und Mutter sind mir nicht gram,

Ich habe auch heimlich keinen Mann.

 

Gestern war's drei Wochen über sieben Jahr,

Da mein feines Liebchen ausgewandert war."

"Gestern bin ich geritten durch eine Stadt,

Da dein feines Liebchen hat Hochzeit gehabt.

 

Was tust du ihm denn wünschen,

Daß er nicht gehalten seine Treu!"

"Ich wünsch ihm soviel gute Zeit,

Soviel wie Sand am Meere breit."

 

Was zog er von seinem Finger?

Ein'n Ring von reinem Gold gar fein.

Er warf den Ring in ihren Schoß,

Sie weinte, daß der Ring gar floß.

 

Was zog er aus seiner Taschen?

Ein Tuch, sehr weiß gewaschen.

"Trockne ab, trockne ab dein Äugelein,

Du sollst hinfort mein eigen sein.

 

Ich tu dich nur versuchen,

Ob du würdst schwören oder fluchen;

Hättst du einen Fluch oder Schwur getan,

So wär ich gleich geritten davon."

 

Des Knaben Wunderhorn
Alte deutsche Lieder

gesammelt von

L. Achim von Arnim (1781-1831)
&
Clemens Brentano (1778-1842)

 

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